Fulkum

Advent 2002

Kommentar von Margot Kässmann aus der Zeitschrift „HörZu“ Nr. 38 vom 13. September 2002 bzw. im Radiosender „NDR 1 Niedersachen“ am 31. Oktober 2002

Margot Kässmann ist Landesbischöfin der evangelischen Kirche in Hannover. Der Frühstart mancher Kaufleute ins Weihnachtsgeschäft geht ihr auf die Nerven – und stört die Botschaft des Advent.

Weihnachten im September?
Warten gehört zum Fest

Freitagnachmittag, Mitte September. Wir machen uns auf zum wöchentlichen Grosseinkauf. Es ist warm draussen, wir tragen Sandalen.

Als wir in die Einkaufshalle kommen, ergreift mich ein Schock: Ich stehe vor einem riesigen Regal von Spekulatius, Marzipankartoffeln und Dominosteinen.

Meine jüngste Tochter muss lachen. Das passt nun wahrhaftig nicht in den Spätsommer, das ist doch ein Witz! Immer früher startet der Weihnachtsrummel.

Bald werden die ersten Weihnachtsmänner im Schaufenster stehen, bald werden wir in der Fernsehwerbung reizende Familien unterm Baum sitzen sehen, die sich gerade etwas schenken, was angeblich glücklich macht.

Vermarkte, wer vermarkten kann! Mit dem Fest des Christentums, der Geschichte von der Geburt des Gottessohnes, hat das alles nichts zu tun, es ist ein Ausverkauf christlicher Tradition.

Im vergangenen Jahr haben wir eine Aktion in Leben gerufen, ihr Motto:
„Alles hat seine Zeit. Advent ist im Dezember!“

Die Kirchen rufen Menschen auf, Advent neu zu entdecken.

Bis Weihnachten hängt uns der Christstollen doch zum Hals heraus. Dabei ist Warten etwas Positives, Vorfreude die schönste Freude.

Erstaunlich viele haben zugestimmt. Und selbst Schausteller, Städte und Gemeinden, Einzelhandel und Kaufhausketten wären ganz froh, wenn sie aus dem Hamsterrad des „Immer früher“ aussteigen könnten.

Aber jeder will der Erste sein, weil die Ersten am besten verdienen. Ob es möglich ist, das Rad anzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen?

Ich denke schon, wir alle sind ja beteiligt.

Wenn wir sagen: „Ich will nicht vor Advent mit ‚Stille Nacht’ berieselt werden“, „Ich kaufe nicht auf Weihnachtsmärkten vor Ewigkeitssonntag“, dann kann sich etwas ändern.

Es macht Sinn, dass es zunächst die Trauerzeit gibt mit Volkstrauertag, Bußtag, Totensonntag bzw. Ewigkeitssonntag.

Und dann kommt in diese Dunkelheit das Licht, Stück für Stück, und wir warten auf Weihnachten, beleuchten unsere Fenster, backen Plätzchen, kaufen Geschenke.

Alles hat seine Zeit – Advent ist im Dezember,

und da können wir ihn richtig bewusst erleben.

 

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