Fulkum

Predigt

 

Predigttext vom Gottesdienst am Sonntag, 21. Juni 2020

Zweiter Sonntag nach Trinitates vor der Maria-Magdalenen-Kirche in Fulkum. Die Predigt hielt Pastor Gernot Harke. Text: 1. Joh. 4,21.

„Liebe!“ Eines der schönsten und wichtigsten Worte überhaupt. Ein tolles Gefühl, wenn sie einen erwischt! Geradezu ein Geschenk des Himmels, wenn man sie erleben darf! Ich hoffe, Sie alle kennen das!
Demgegenüber „Gebot“! Das klingt hart. Nach Pflicht und Forderung. Nach: da erwartet einer etwas von mir, was ich möglicherweise gar nicht will.
Und hier nun „Gebot“ und „Liebe“ in einem Satz. Das reibt sich irgendwie! Will nicht so richtig zusammen klingen!
„Liebe“ kann man doch nicht gebieten, anordnen, fordern. Und auch nicht erzwingen. Liebe, dieses Gefühl, diese Empfindung - die stellt sich ein - oder eben auch nicht.
In dem Song einer amerikanischen Blues-Musikerin, Bonnie Raitt, heißt es, sinngemäß übersetzt:
„Ich kann Dich nicht dazu bringen, mich zu lieben,
wenn Du‘s nicht tust,
ich kann Dein Herz nicht dazu bringen,
etwas zu fühlen, was es nicht fühlt!“
So ist das doch, oder? Und genauso wenig kann ich mich dazu zwingen, jemanden zu lieben. Und ich will auch nicht drumherum reden: es gibt Menschen, die sind einem irgendwie auf Anhieb unsympathisch. Auch ein Gefühl, gegen das man sich kaum wehren kann. Oder geht Ihnen das anders?

Außerdem: gehört es nicht irgendwie zur Liebe, dass ich sie für die Menschen empfinde, die mir besonders am Herzen liegen, denen ich mich besonders nahe fühle? Ist nicht Liebe erst dadurch Liebe, dass ich sie eben NICHT für ALLE, sondern nur für EINZELNE empfinde?
Ganz konkret: wenn ich zu meiner Frau sage: „Ich liebe Dich!“, will ich ihr damit doch gerade sagen: „Du bist mir wichtiger als alle anderen Frauen! Für Dich empfinde ich, was ich für andere Frauen, für andere Menschen eben gerade nicht empfinde. Und gerade darin ist diese Liebe ein Gottesgeschenk!“ Und mit der Liebe zu unseren Kindern ist es ganz ähnlich. …

Aber vielleicht muss ich doch noch mal ganz anders ansetzen.
Wenn ich den Satz, über den wir hier miteinander nachdenken, in seinem Zusammenhang lese - ich hatte uns das ja an den Anfang des Gottesdienstes gestellt - dann lese ich da:
„Gott ist Liebe.
Und wer in der Liebe lebt, lebt in Gottes Gegenwart
und Gott ist in ihm gegenwärtig.“

Es geht hier nicht um Gefühle, nicht um die Liebe zwischen zwei Partnern, also zwischen Mann und Frau oder Mann und Mann oder Frau und Frau; auch nicht um die Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern. Jedenfalls nicht nur. Und auf keinen Fall zuallererst.
Zuallererst geht es um GOTT - der LIEBE ist.
Und der in uns gegenwärtig ist, wenn wir uns ihm öffnen - wenn wir „in seiner Gegenwart leben“, wie es da heißt.

DIESE Liebe ist nicht eingeschränkt. Nicht bloß auf Einzelne bezogen. DIESE Liebe gilt ALLEN Menschen - ja letztlich sogar der gesamten WELT. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes UNIVERSAL.
Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, lassen sich nicht in den paar kurze Sätzen zusammenfassen, die mir hier noch bleiben.  Aber ein paar ganz grundlegende Gedanken dazu möchte ich Ihnen doch weitergeben - und Sie so zu eigenem Weiterdenken einladen:
GOTT, die Liebe, ruft die Welt ins Dasein,
ER ist die Liebe, die jedem einzelnen Menschen das Leben überhaupt erst möglich macht.
ER ist die Liebe, ...
… die uns allen die „Luft zum Atmen“ gibt
… die uns wachsen lässt
… die uns beschützt und hält und trägt
… die uns alles Gute gönnt
… die - wir lernen es durch Jesu Vorbild - alle Unterschiede zwischen uns Menschen für unwichtig erklärt
und uns so alle zu Schwestern und Brüdern macht
… die sich dem Tod mit aller Macht entgegenstellt

ER ist die Liebe, …
… die sich danach sehnt, von uns wieder-geliebt zu werden.

Gott ist Liebe - und will in uns gegenwärtig sein!
In DIR - und in mir - soll man GOTT,
soll man die LIEBE erkennen können!

Den Eltern bei der Taufe letzte Woche habe ich gesagt, dass sie durch die Geburt ihres Kindes beauftragt sind, Gottes Stellvertreter zu sein. Durch sie zuallererst soll ihr Kind ganz hautnah und persönlich erleben, was Liebe überhaupt bedeutet. Dadurch, dass es Geborgenheit, Schutz, Unterstützung, Hilfe, Vergebung, Förderung, Nahrung, ein Zuhause und alles, was sonst noch lebens-wichtig ist, erfährt. So werden die Eltern im Idealfall zum Bild der Liebe Gottes. Und die muss sicher nicht erst erzwungen oder gefordert werden. Die ist schon in ihnen. GOTT sei Dank!

Dass wir zum Bild der Liebe werden - zu Stellvertreterinnen und Stellvertretern Gottes in dieser Welt - darum geht es!
In DIR - und in mir - soll man GOTT,
soll man die LIEBE erkennen können!

Möglichst jeden Tag. Alle Tage eben. Wie gesagt: an diesen Sonntagen geht es um den Alltag des Christseins. Und genau an all diesen Alltagen, in unserem ganz normalen Leben mit all seinen Aufgaben und Anforderungen und allem, was sonst dazu gehört, sollen wir Gottes Liebe gegenüber dieser Welt, gegenüber anderen Menschen repräsentieren.
Unglaublich, oder? Und es klingt nach einer ziemlichen Überforderung. Da kann einem ja glatt die Luft wegbleiben. Von wegen „Liebe, die die Luft zum Atmen schenkt!“ … Das kann doch niemand von uns verlangen …

„Wir können ja nur lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“
Sie haben Recht - Liebe kann man nicht erzwingen. Aber widerspiegeln. Liebe beginnt damit, dass wir uns selber geliebt wissen. Dass wir empfangen. Uns tagtäglich darauf besinnen, dass wir selbst geliebt sind. Dass unsere „Luft zum Atmen“ Geschenk ist. Dass unsere Lebensmöglichkeiten Geschenk sind. Dass unsere Fähigkeiten und Begabungen Geschenk sind. Dass die Hoffnung auf ein Leben, stärker als der Tod, Geschenk ist.
Und dann können wir teilen. Je mehr und je öfter wir uns Gottes Liebe öffnen, umso mehr!
Dann kommt das „Gebot“, einander zu lieben, nicht von außen - sondern aus uns selber heraus! So verstanden könnte unser Vers auch so klingen:
Wer ihn liebt,
wird gar nicht anders können,
als auch seinen Bruder und seine Schwester zu lieben.“

Darum geht‘s!
Amen

 


 

 

 

 

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